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Neophyten und Naturschutz
Zur Bewertung von Neophyten durch den Naturschutz und möglicher Auswirkungen, Gefahren und Maßnahmen sollten folgende Fragen berücksichtigt werden:
Wie problematisch sind Neophyten in Deutschland?
In Deutschland trage Neophyten derzeit in deutlich geringerem Umfang zur Bedrohung unserer Artenvielfalt bei als z.B. auf lange isolierten tropischen Inseln. Bei uns sind die Hauptgefährdungsfaktoren unmittelbaren Einwirkungen wie Jagd, Sammeln oder der Zerstörung von Standorten, auf die die für Ökosysteme grundsätzlich keine Möglichkeit haben, Anpassungsstrategien zu entwickeln, wohingegen sie auf neue eingeführte Arten mit systemimmanenten Regelungsmechanismen reagieren bzw. diese langfristig evolutionär entwickeln können (wie Räuber, Parasiten, zwischenartliche Konkurrenz).
Trotzdem ist die Einbringung neuer Arten wegen der nicht sicher vorhersagbaren Auswirkungen im Sinne des Vorsorgeprinzips (s. unten) grundsätzlich abzulehnen.
Sind alle Neophyten problematisch?
Die meisten gebietsfremden Arten verursachen keinerlei ökologische, ökonomische oder andere Schäden. So haben von ca. 400 in Deutschland oder Teilgebieten eingebürgerten Neophyten höchstens 50 (also ca. 10%) negative Auswirkungen auf die heimische Natur oder den Menschen bzw. seine Aktivitäten.
Auch viele der vom Naturschutz besonders beachteten, seltenen oder gefährdeten Rote-Liste-Arten sind erst durch menschliche Aktivitäten seit dem Neolithikum zu uns gekommen
(sog. Archäophyten; vgl. Begriffe). Die gebietsfremden Arten von damals sind also zu "wertvollen" Arten des Naturschutzes von heute geworden. Mit der Beurteilung gebietsfremder Arten ist also immer eine normative, auf individuellen oder gemeinschaftlichen Wertmaßstäben beruhende Bewertung verbunden.
Wann sind Neophyten naturschutzrelevant?
Wegen der langen Landnutzungstradition in Mitteleuropa ist der Naturschutz nicht nur auf natürliche Lebensräume und einheimische Arten begrenzt, sondern umfasst auch menschengemachte Lebensräume (wie Äcker, Magerasen und Wiesen) und gebietsfremde Arten (z.B. die Archäophyten; vgl. oben).
Aus Naturschutzsicht sind Neophyten problematisch, wenn sie andere Arten oder Lebensräume gefährden, Naturhaushaltsfunktionen beeinträchtigen oder das Landschaftsbild unerwünscht verändern. Darüber hinaus gibt es weitere Arten, die auf Landwirtschaftsflächen, in Forsten und im Siedlungsbereich wirtschaftliche oder auch gesundheitliche Probleme verursachen, ohne dass hiermit Naturschutzkonflikte verbunden sind. Für Gegenmaßnahmen - aber auch
für Haftungsfragen - sind daher andere Bereiche als der Naturschutz zuständig (z.B. Pflanzenschutz-, Forstbehörden, Gartenbauämter), mit denen sich für den Naturschutz neue Partnerschaften entwickeln können.
Einmal problematisch - immer problematisch?
Die Entscheidung, wann ein Neophyt Naturschutzhandeln erforderlich macht, kann daher nur auf der Basis von einer Einzelbewertung erfolgen. Diese muss berücksichtigen:
- die artspezifischen Auswirkungen des Neophyten (vgl.
vgl. Auswirkungen)
- die Rahmenbedingungen des betroffenen Ökosystems: Handelt es sich z.B. um naturnahe oder anthropogene Vegetation? Ist der Neophyt Ursache der Naturbeeinträchtigung oder Folge von Veränderungen (z.B. Einwandern von Neophyten nach Brachfallen von Magerrasen)?
- die konkreten Naturschutzziele vor Ort: Sollen seltene oder bedrohte Arten oder ein bestimmter Zustand bewahrt werden oder sind freie Entwicklungsprozesse erwünscht?
Welche Maßnahmen können ergriffen werden?
Auf Grundlage dieser naturschutzfachlichen Kriterien kann schließlich über die Erforderlichkeit von Maßnahmen entschieden werden. Dabei ist zunächst zu nicht nur zu prüfen, ob erfolgsversprechende Gegenmaßnahmen bekannt sind (vgl. Artensteckbriefe im
Handbuch).
Dann ist zu entscheiden, ob der notwendige Mitteleinsatz im konkreten Einzelfall gerechtfertigt ist, d.h. die Effizient für die zu erwartenden Ergebnisse ist abzuschätzen. Da viele Bekämpfungsmaßnahmen bisher erfolglos blieben, kommt es besonders darauf an, die oftmals unterschätzte Durchführung von Maßnahmen im gebotenen Umfang sicherzustellen (technisch, finanziell, personeller und zeitlicher Rahmen;
vgl. vgl. Maßnahmen). Schließlich sind die beabsichtigten Maßnahmen auf ihre Vereinbarkeit mit allgemeinen und gebietsspezifischen Naturschutzzielen zu prüfen (Akzeptanz bei der Bevölkerung, schädigende Auswirkungen auf andere Arten oder Ökosysteme o.ä.).
Dabei sollten Maßnahmen grundsätzlich nur dann erfolgen, wenn gewährleistet ist, dass der entsprechende Lebensraum anschließend wieder in einen stabilen ökologischen Zustand ist bzw. dessen langfristige Erhaltung in diesem Zustand gesichert ist (Schutzgebietsausweisung, Pflege o.ä.).
Ist das Verhalten von Neophyten sicher vorhersagbar?
Auch wenn davon auszugehen ist, dass die meisten Neophyten, die in unserem Klimagebiet wachsen können, bereits ihren Weg zu uns gefunden haben, werden zukünftig weitere Arten als "blinde Passagiere" oder bewusst eingeführte Zier- und Nutzpflanzen zu uns gelangen. Mit dem voranschreitenden Klimawandel, der die Verbreitung von Arten bereits heute nachweislich beeinflusst, ist zukünftig sogar mit einer erneuten Verstärkung der Dynamik gebietsfremder Arten zu rechnen. Welche Arten sich in welcher Geschwindigkeit und mit welchen Folgen bei uns ausbreiten werden, ist vorausschauend kaum sicher zu beantworten. Dies gilt für neu auftretende Arten ebenso wie bereits bei uns vorkommende seltene oder "unauffällige" Neophyten
(vgl. lag-Phase;
ökologische Grundlagen).
Daher sollte nach dem Vorsorgeprinzip die Ausbringung gebietsfremder Arten in die freie Natur möglichst unterbleiben. Sofern besondere Gründe für die Verwendung gebietsfremder Arten sprechen, muss geprüft werden, ob hierdurch eine Gefährdung der heimischen Tier- und Pflanzenwelt besteht vgl. die
vgl. rechtlichen Regelungen in Deutschland).
Sinnvoll ist es zudem, beginnende Ausbreitungsprozesse oder sich abzeichnende Konsequenzen frühzeitig zu beobachten, um möglichst rasch prüfen zu können, ob Gegenmaßnahmen angebracht sind. Dies gilt besonders, wenn z.B. bestimmte biologische Merkmale für ein besonderes Ausbreitungspotenzial sprechen oder die Art aus anderen Gebieten bereits als invasiv bekannt ist. Auch der Beobachtung bereits bei uns vorhandener Arten sollte eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Der Bereitstellung bzw. dem Austausch von entsprechenden Informationen kommt somit eine Schlüsselstellung zu, wozu dieses Webangebot einen Beitrag leisten möchte.
Wo sind vertiefende Informationen zu finden?
Neben den artspezifischen Informationen, Links und Literaturangaben im Handbuch können konkrete Erfahrungen mit einzelnen Arten ins Forum eingetragen und dort ausgetauscht werden. Die Linkliste enthält weitere allgemeine Internetquellen, das Buch (z.B. im Buch ""Biologische Invasionen. Neophyten und Neozonen in Mitteleuropa" von Ingo Kowarik arbeitet die hier angesprochenen Themen intensiv auf.
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