Vaccinium angustifolium x V. corymbosum (Ericaceae), Kultur-Heidelbeere
1 Beschreibung der Art
1.1 Aussehen
Verwilderte Kultur-Heidelbeeren zeigen eine große Variabilität: es gibt Exemplare, die einer der Elternarten nahe stehen,
sowie solche mit intermediären Merkmalen. Vaccinium angustifolium ist ein niedriger Strauch (5-20 cm hoch), der mit Ausläufern
oft ausgedehnte Klone bildet. Es hat elliptische, gesägte, bis 2,5 cm lange Blätter und 5-7 mm große Früchte. Dagegen wird
V. corymbosum 1-5 m hoch und hat 4-7 mm lange, unterseits behaarte Blätter. Auch die Früchte werden mit 7-12 mm größer.
Floraweb-Fotos der Art
1.2 Taxonomie
Die Kultur-Heidelbeeren sind mit großer Sortenvielfalt aus Arten der Untergattung Cyanococcus gezüchtet worden. Sie enthalten
überwiegend Erbgut aus den beiden namensgebenden Arten. Eine taxonomische Bearbeitung des Hybridkomplexes fehlt.
1.3 Herkunftsgebiet
Die Kulturheidelbeere ist durch Züchtung aus Arten entstanden, die in Nordamerika beheimatet sind. Beide Elternarten kommen
im südlichen Kanada und den nordöstlichen USA vor.
1.4 Biologie
Die schmackhaften Früchte der Kulturheidelbeere werden von Vögeln und Säugetieren gefressen und ihre Samen so ausgebreitet.
In Niedersachsen wurden so im Laufe von ca. 50 Jahren Entfernungen zwischen gepflanzten und spontanen Heidelbeeren von ca.
2 km erreicht. Die Etablierung gelingt auf sauren Standorten, die schattig oder besonnt sein können. Einmal etablierte Pflanzen
können sich im Nahbereich durch klonales Wachstum ausbreiten.
2 Vorkommen in Deutschland
2.1 Einführungs- und Ausbreitungsgeschichte / Ausbreitungswege
Die Elternarten V. angustifolium und V. corymbosum wurden im 18. Jahrhundert nach Europa eingeführt. Die Hybride wird seit
1929 in Deutschland im Erwerbsgartenbau verwendet. In ganz Deutschland betrug die Anbaufläche für Kulturheidelbeeren 2005
1.400 Hektar, die überwiegend in Niedersachsen liegen. Auch für Privatgärten werden sie als Obstgehölz angeboten. Spontane
Vorkommen sind in den Niederlanden seit 1949, in Niedersachsen seit etwa 30 Jahren bekannt.
2.2 Aktuelle Verbreitung und Ausbreitungstendenz
Die Ausbreitung der Kultur-Heidelbeeren von den Anbauflächen wird erst in jüngerer Zeit erfasst, so dass die Verbreitung möglicherweise
nicht vollständig bekannt ist. In Niedersachsen ist sie aus 20 Landkreisen bekannt. In der südlichen Lüneburger Heide wurden
Verwilderungen mit einer Ausdehnung gefunden, die die Anbaufläche um das 14fache übertrifft. Die Ausbreitungstendenz hält
an: praktisch von jeder Anbaufläche ist im Laufe der Zeit mit einer Ausbreitung zu rechnen, wenn geeignete Biotope in der
näheren Umgebung vorkommen. Wegen ihrer Vorkommen in Mooren sind die Kulturheidelbeeren in Deutschland zu den Agriophyten
zu rechnen.
2.3 Lebensraum
Kulturheidelbeeren verwildern in Kiefernforsten und Feuchtgebieten in der Umgebung der Anbauflächen. Sie wachsen am besten
auf luftdurchlässigen Sandböden bei pH-Werten zwischen 4,3 und 4,8, werden aber auch bei pH 3,0 noch erfolgreich kultiviert.
2.4 Status und Invasivität der Art in benachbarten Staaten
Anbauflächen der Kulturheidelbeere liegen auch in den Niederlanden und in Polen. Aus den Niederlanden sind auch Verwilderungen
bekannt.
3 Auswirkungen
Die Verwilderungen können dichte Bestände bilden, die 2 3 m hoch werden. Dies ist vor allem eine Frage der Zeit: wo geeignete
Standorte in der Nähe von Plantagen sind, werden sie zunächst von einzelnen Pflanzen besiedelt, danach verdichten sich die
Populationen.
3.1 Betroffene Lebensräume
In Kiefernforsten im Nahbereich von Plantagen (300 400 m) sind aus Verwilderungen dichte Strauchschichten entstanden, die
durch Beschattung die Bodenvegetation verdrängen. In Hochmooren sind dichte Bestände besonders in Randbereichen und auf abgetorften
und entwässerten Flächen zu finden, auch in naturnaher Moorvegetation werden Verwilderungen gefunden, die hier meist weniger
dicht sind.
3.2 Tiere und Pflanzen
Durch Lichtkonkurrenz verdrängt die Kulturheidelbeere Pflanzen der Krautschicht. In Kiefernforsten sind davon nach bisherigem
Wissen keine gefährdeten Arten betroffen. Anders in Mooren bzw. deren De- und Regenerationsstadien: hier tragen die Heidelbeeren
zum Rückgang gefährdeter Moorarten bei. Im "Moor in der Schotenheide" wurde unter dem Schirm von 90 bis 95% deckenden Strauchschichten
aus Heidelbeeren keine der moortypischen Pflanzen gefunden, die direkt neben den Flächen vorhanden waren. Unter einer 70%
deckenden Strauchgruppe waren die Arten auf geringe Reste zurückgedrängt. Die Früchte sind bei zahlreichen Vogelarten als
Nahrung beliebt.
3.3 Ökosysteme
Die Degeneration teilentwässerter Moore kann durch Kulturheidelbeeren beschleunigt werden, indem durch erhöhte Verdunstung
die Austrocknung beschleunigt wird.
3.4 Menschliche Gesundheit
Keine Auswirkungen bekannt oder zu erwarten.
3.5 Wirtschaftliche Auswirkungen
In Kiefernforsten erschweren die Verwilderungen der Kulturheidelbeere Durchforstungen und andere forstliche Arbeiten durch
die undurchdringlichen Strauchschichten. Andererseits erhöhen die Herbstfärbung und das Angebot an Früchten die Attraktivität
sonst eintöniger Forstgebiete, was möglicherweise günstig auf den Fremdenverkehr wirkt.
4 Maßnahmen
In Forsten besteht aus Naturschutzgründen bislang kein Anlass zu Maßnahmen. Ob ein geringerer Holzertrag auf den betroffenen
sandigen Standorten eine Bekämpfung aus forstwirtschaftlichen Gründen rechtfertigt, bleibt zu überprüfen.
Mit den Mooren sind dagegen empfindliche, gefährdete und gesetzlich geschützte Biotope betroffen, so dass Handlungsbedarf
besteht.
4.1 Vorbeugen
Das Ausbringen von gebietsfremden Pflanzen ist nach dem Bundesnaturschutzgesetz (§41.2) grundsätzlich nicht ohne Genehmigung
erlaubt. Bisher sind dichte verwilderte Kulturheidelbeeren nur in der Umgebung von Plantagen aufgetreten. Im Osterholzer Moor
(Landkreis Celle) waren die Verwilderungen nach 50 Jahren maximal 2 km von der Ursprungspflanzung entfernt. Um wertvolle Moorvegetation
vor dem Eindringen der Kulturheidelbeere zu schützen, ist es also sinnvoll, einen Mindestabstand von 3 km zwischen neuen Plantagen
und Mooren einzuhalten. Moore, die dennoch von Heidelbeerverwilderungen bedroht sind, sollten vor anderen Gefährdungsfaktoren
wie Entwässerung und Abtorfung geschützt werden, da diese die Einwanderung der Heidelbeere fördern.
4.2 Allgemeine Empfehlungen zur Bekämpfung
Bei kleineren Vorkommen in Mooren kann eine Bekämpfung sinnvoll sein, allerdings sind die Nebenwirkungen auf die Moorvegetation
zu berücksichtigen und eine weitere Einwanderung aus angrenzenden Plantagen oder spontanen Vorkommen auszuschließen.
4.3 Methoden und Kosten der Bekämpfung
Erfahrungen mit der Bekämpfung der Kulturheidelbeere liegen bisher nicht veröffentlicht vor. Wegen des Regenerationsvermögens
reicht das oberirdische Abschneiden allein nicht aus, da es wie bei anderen klonalen Pflanzen zu einer Erhöhung der Sprossdichte
zu führt. Langfristig könnten auch die Heidelbeerhybriden durch wiederholtes Zurückschneiden zurückgehen. Auch ein vollständiges
Ausgraben der Pflanzen kann bei Einzelpflanzen erfolgreich sein, bringt aber eine starke Störung der empfindlichen Biotope
mit sich.
Ihre Erfahrungen zur Bekämpfung können Sie im Diskussionsforum zu dieser Art eintragen.
5 Weiterführendes & Kontakte
5.1 Literatur & Links
Kowarik, I. (2003): Biologische Invasionen: Neophyten und Neozoen in Mitteleuropa. Ulmer, Stuttgart, S. 229 ff.
Kowarik, I. & Schepker, H. (1995): Zur Einführung, Ausbreitung und Einbürgerung nordamerikanischer Vaccinium-Sippen. Schr.-R.
Veg.kde. 27:413-421.
Schepker, H., Kowarik, I. & Garve, E. (1997): Verwilderungen nordamerikanischer Kultur-Heidelbeeren (Vaccinium subgen. Cyanococcus)
in Niedersachsen und deren Einschätzung aus Naturschutzsicht. Natur u. Landschaft 72:346-351.
5.2 Kontakte
Dr. Hartwig Schepker, Beratungs- und Planungsbüro für Gartenbau, Naturschutz, Pflanzenökologie, Bockhorster Dorfstr. 39a,
28876 Oyten, Tel./Fax 04207/804627,
postbox@hartwig-schepker.de
6. Forum
In den Diskussionsforen zu den 40 gebietsfremden Arten des Handbuches können Sie Ihre Meinung zu diesen Arten und ggf. Erfahrungen
mit deren Bekämpfung eintragen und mit anderen diskutieren. Das Bundesamt für Naturschutz und die AG NEOBIOTA bzw. das Institut
für Ökologie der TU Berlin betreuen diese Foren.
Meinungen und Erfahrungen zur Kultur-Heidelbeere (Vaccinium angustifolium x V. corymbosum) eintragen
Dieser Artensteckbrief wurde erstellt von:
Dr. Uwe Starfinger & Prof. Dr. Ingo Kowarik, Institut für Ökologie der TU Berlin [
Kontakt]
erstellt 2003, letzte Aktualisierung: 16.8.2007 (
Frank Klingenstein)