Spartina anglica C. E. Hubbard (Poaceae), Salz-Schlickgras
1 Beschreibung der Art
1.1 Aussehen
Das Salz-Schlickgras ist ein ausdauerndes, 30 130 cm hohes Gras in dichten Horsten mit fleischigem Rhizom. Die Halme sind
kahl und in der ganzen Länge von Blattscheiden umgeben. Anstelle eines Blatthäutchens findet sich ein Kranz seidiger, ca.
2 mm langer Haare. Die Blätter sind graugrün, 8 50 cm lang und 6 15 mm breit, steil aufrecht und in eine sehr dünne, harte
Spitze ausgezogen. Die Rispen aus 2 9 ährenartig aufgebauten Ästen sind gelbgrün, bis 20 cm lang, aufrecht und zusammengezogen.
Die Blütezeit reicht in Nord-Europa von Juli bis Oktober. Aus den Samen können sich im ersten Jahr bis zu 20 cm hohe Pflanzen
entwickeln. In den folgenden Jahren vergrößern sich die Horste rasch durch Ausläufer an Umfang. Spartina ist im Wattenmeer
nicht mit anderen Gattungen zu verwechseln, von der sterilen S. x townsendii ist sie anhand der Früchte und der längeren Staubbeutel
zu unterscheiden (8-13 mm statt 5-8 mm).
Floraweb-Fotos der Art
1.2 Taxonomie
In England ist aus der dort vorkommenden S. maritima und der von der Ostküste Nordamerikas eingeführten S. alternifora die
sterile Hybride S. x townsendii entstanden, die wiederum durch Polypoidisierung zu S. anglica wurde.
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1.3 Herkunftsgebiet
Die Hybriden S. x townsendii und S. anglica sind in England entstanden. Unter den Elternarten stammt S. alternifora aus Nordamerika,
S. maritima ist vermutlich in Süd-England einheimisch, könnte aber auch mit der Schifffahrt aus Afrika nach Europa unbeabsichtigt
eingeschleppt worden sein.
1.4 Biologie
Die Salzausscheidung durch Salzdrüsen ist bei Spartina eine der effektivsten unter allen Halophyten. Die Blätter sind durch
Kieselsäureeinlagerung sehr widerstandsfähig. An ihrer gefurchten Oberfläche bildet sich bei Überflutung ein Luftfilm, der
den Gasaustausch im untergetauchten Zustand erleichtert. So toleriert das Schlickgras Überflutungen bis zu 16 Stunden. Andererseits
übersteht S. anglica auch Trockenfallzeiten von mehr als 9 Stunden. Durch Rhizomwachstum entstehen dichte Horste mit bis zu
10.000 Halmen m-2. Rhizomfragmente werden ebenso wie die Samen mit dem Wasser ausgebreitet.
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2 Vorkommen in Deutschland
2.1 Einführungs- und Ausbreitungsgeschichte / Ausbreitungswege
Spartina alterniflora wurde um 1800 in England nahe Southampton entdeckt, wo sie unbeabsichtigt mit Ballastwasser eingeschleppt
worden war. 1870 wurden dort Hybriden mit S. maritima gefunden, 1880 hatten sich diese sterilen Hybriden bereits vegetativ
in Ästuaren ausgebreitet. Die ersten Individuen von S. anglica wurden 1892 an der englischen Kanalküste bei Lymington gefunden.
Seit Anfang des 20. Jahrhunderts in England und seit 1924 in den Niederlanden, seit 1927 auch in Deutschland, wurde S. anglica
zur Landgewinnung angepflanzt. Ihre heutige Verbreitung ist damit Ergebnis von anthropogener und anschließender natürlicher
Ausbreitung.
2.2 Aktuelle Verbreitung und Ausbreitungstendenz
Heute ist das Schlickgras im Wattenmeer der Nordsee zerstreut bis verbreitet bei zunehmender Ausbreitung, die offensichtlich
mit dem Klimawandel und seinen steigenden Temperaturen in Zusammenhang steht. Ihr Hauptvorkommen befindet sich entlang der
Festlandsküste sowie auf den Inseln jeweils auf den dem Festland zugewandten Seiten. Sie wächst vor allem im Gezeitenbereich
von 40 cm unter bis 15 cm über der Mittleren Tidehochwasserlinie. Wegen ihres Vorkommens in naturnaher Vegetation gilt sie
in Deutschland als Agriophyt.
Verbreitungskarte aus FloraWeb
2.3 Lebensraum
Das Schlickgras kann wegen seiner hohen Überflutungs- und Salztoleranz am weitesten meerseits der Mittleren Tidehochwasserlinie
wachsen und kommt hier in der Quellerzone vor. In Bereichen mit ruhigerem Wasser kann sie hier dichte Wiesen aufbauen, bei
Wellenschlag entstehen Populationen nur horst- bis fleckweise. Landseits dringt es auch in Andelrasen ein.
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2.4 Status und Invasivität der Art in benachbarten Staaten
Spartina anglica ist im europäischen Wattenmeer verbreitet und kommt in Dänemark, Schweden, in den Niederlanden, Nordfrankreich,
Irland und Großbritannien zwischen dem 48. und dem 58. Breitengrad vor. Die World Conservation Union (IUCN) hat Spartina anglica
in ihre Liste der 100 of the World's Worst Invasive Alien Species aufgenommen.
3 Auswirkungen
In Spartina-Beständen wurden Sedimentationsraten von 20 200 mm pro Jahr gefunden. An der deutschen Nordseeküste bildet das
Schlickgras bislang nur vereinzelt größere geschlossene Bestände. Die mit der Anpflanzung erhoffte Landgewinnung und Küstenstabilisierung
blieb jedoch weit hinter den Erwartungen zurück, denn Spartina hat sich in Bereichen ausgebreitet, in denen das Sediment bereits
festgelegt war. Seit einigen Jahren besiedelt das Schlickgras im nordfriesischen Wattenmeer auch verstärkt erodierende Bereiche,
was im Vergleich zu früher mit den heute verbesserten Temperaturbedingungen für diese Art in Zusammenhang stehen könnte. Die
große Biomasse von Spartina beeinflusst die Lebensgemeinschaften des Wattenmeeres in vielfältiger Weise. 1980 wurde in Großbritannien
das Spartina mottle virus als Krankheitserreger des Schlickgrases entdeckt. Das Virus wurde 1990 auch an der deutschen Nordseeküste
erstmals nachgewiesen; stellenweise sind die Spartina-Rasen vollständig mit dem Virus infiziert. Welche Auswirkungen oder
Risiken damit verbunden sind, ist bislang ungeklärt. Seit 1960 breitet sich das aus Nordamerika stammende Mutterkorn Claviceps
purpurea var. spartinae in Großbritannien aus; infizierte Spartina-Pflanzen zeigen eine deutlich reduzierte Samenproduktion.
Ein Nachweis dieser Pilz-Art im Wattenmeer fehlt bislang.
3.1 Betroffene Lebensräume
Spartina hat sich in der Nordsee vor allem auf Kosten des Quellers (FFH Lebensraumtyp 1310) ausgebreitet. Schwerer wiegt ihr
Eindringen in Salzwiesen (FFH Lebensraumtyp 1330), das aber durch anthropogene Störungen gefördert wird.
3.2 Tiere und Pflanzen
Durch ihren hohen und dichten Wuchs verdrängt das Schlickgras nachhaltig vor allem die lichthungrigen, niedrig bleibenden
Pionierpflanzen Queller und Andel. Einbußen durch S. anglica verzeichnet auch das sedimentbewohnende Makrozoobenthos; Arten
der Epifauna besiedeln die Horste im Vergleich zu offenen Wattflächen jedoch in erhöhter Abundanz, was auf die verstärkte
Ablagerung von Driftalgen zwischen den Halmen zurückzuführen ist. Mit einer jährlichen Nettoprimärproduktion oberhalb der
Erde von bis zu 1.7 kg m-2 gilt das Schlickgras als hoch produktiv, seine große Biomasse geht aber fast nur als Detritus in
die Nahrungskette ein. Für Limikolen gehen durch den Aufwuchs von Spartina auf offenen Wattflächen wertvolle Nahrungsgründe
verloren. Dies hat in Großbritannien zum Rückgang der Vogelpopulationen in Ästuaren um bis zu 50% geführt: besonders betroffen
war der Alpenstrandläufer.
3.3 Ökosysteme
Schlickgrasbestände haben großen Einfluss auf Sedimentation und Erosion im Wattenmeer. Während geschlossene Bestände im Bereich
des Mittleren Tidehochwassers die Sedimentation stark fördern und der Schlickgehalt in den Sedimenten deutlich zunimmt, können
Einzelhorste durch Strudelbildung zu lokalen Auskolkungen führen. Andelrasen können durch Spartina feuchter werden, weil sie
das Abtrocknen durch die starke Beschattung bei fehlender Luftbewegung verzögert und den Abfluss des Wassers behindert.
3.4 Menschliche Gesundheit
Bisher sind keine relevanten Auswirkungen zu verzeichnen. Auf Grund der scharfen, harten Blattränder kann das Schlickgras
aber zu Schnittverletzungen bei Strandbesuchern führen.
3.5 Wirtschaftliche Auswirkungen
Bei der traditionell praktizierten Landgewinnung im Wattenmeer, dem sogenannten Grüppeln, werden flache, meist 1,5 m breite
Gräben angelegt, die zur Entwässerung der dazwischenliegenden Watterhöhungen sowie zur Ablagerung von Sinkstoffen dienen.
Diese Arbeiten werden durch das Schlickgras mit seinen stark ausgebildeten Wurzelstöcken sehr erschwert und im Vergleich zu
entsprechenden Maßnahmen in Queller- und Andelgebieten erheblich verteuert, wobei bis heute aber keine Kostenbilanzierung
vorliegt. Außerdem wachsen in sehr kurzer Zeit die Wurzelausläufer von Spartina vom Rande her in das Grabenbett hinein und
hemmen die Wasserzuführung, wodurch das Grüppeln häufiger durchgeführt werden muss.
Wie die Veränderungen von Sedimentation und Erosion durch das Schlickgras auf den Küstenschutz wirken, ist unzureichend untersucht,
so dass die wirtschaftlichen Folgen bislang nicht bilanzierbar sind.
4 Maßnahmen
Die bekannt gewordenen Auswirkungen im deutschen Wattenmeer haben bislang keine Nachfrage nach Bekämpfung ausgelöst. Bisher
fehlt aber auch eine umfassende Analyse und Bewertung der Auswirkungen von Spartina auf die belebte und unbelebte Umwelt,
insbesondere auch auf die Naturschutzziele des Nationalparks Wattenmeer. Die aktuell verstärkte Ausbreitung von Spartina in
aktiv genutzte Strandbereiche lässt jedoch demnächst aus wirtschaftlichen Gründen einen verstärkten Bedarf an Gegenmaßnahmen
erwarten.
4.1 Vorbeugen
Das Ausbringen von gebietsfremden Pflanzen ist nach dem Bundesnaturschutzgesetz (§41.2) grundsätzlich nicht ohne Genehmigung
erlaubt. Da Spartina an der gesamten deutschen Nordseeküste weit verbreitet ist, kommt vorbeugenden Maßnahmen keine große
Bedeutung mehr zu. 1952 wurden in Deutschland im Emsästuar und in der Jade die bisher letzten beabsichtigten Anpflanzungen
mit Schlickgras durchgeführt; auf eine weitere Anpflanzung sollte verzichtet werden.
4.2 Allgemeine Empfehlungen zur Bekämpfung
Jede Bekämpfungsmaßnahme bedarf einer vorherigen genauen Analyse und Abwägung der Vor- und Nachteile. Spartina anglica ist
in Deutschland die beherrschende Pflanzenart des FFH-Lebensraumtyps 1320 Schlickgrasbestände (Spartinion maritimae). Aktuell
liegt ein Novellierungsvorschlag vor, den Lebensraumtyp 1320 auf die in Europa einheimische Art Spartina maritima einzuengen,
da eine Gefährdung der Bastard-Art Spartina anglica nicht gegeben ist.
4.3 Methoden und Kosten der Bekämpfung
Anfang der 1960er Jahre wurde die bisher einzige Bekämpfungsmaßnahme gegen Spartina in Deutschland durchgeführt. An der schleswig-holsteinischen
Westküste wurden mehrere Jahre lang verschiedene Herbizide getestet, die jedoch nur kurzfristig Erfolg brachten. Eine Erkenntnis,
die auch in anderen internationalen Studien über Möglichkeiten einer chemischen Bekämpfung von Spartina bestätigt wurde.
Aus England und den USA sind weitergehende Erfahrungen mit der Bekämpfung von Spartina-Arten bekannt: Danach ist Mahd geeignet,
den Samenansatz und damit die weitere Ausbreitung zu verhindern, auf lange Sicht wird Spartina durch die Mahd verdrängt. In
Washington wurden Spartina-Bestände nach der Mahd mit Folien abgedeckt, nach 1 2 Vegetationsperioden waren die Pflanzen
abgestorben; eine praktische Umsetzung auf größeren eulitoralen Flächen ist jedoch problematisch, da die Folien durch Tideneinfluss
leicht zerstört werden können. Das Ausreißen von Pflanzen ist nur bei Keimlingen erfolgversprechend, da leicht Rhizomteile
im Boden verbleiben und austreiben. Das Ausgraben von Gruppen ist bis zu einem Durchmesser von 50 cm aussichtsreich; bei größeren
Gruppen steigt die Wahrscheinlichkeit, Rhizomteile zu übersehen.
Ansätze für eine biologische Bekämpfung sind bisher nur sehr eingeschränkt vorhanden. Bei einem hohen Besatz mit einer nordamerikanischen
Heuschrecke starben in einem Gewächshausexperiment über 90% der Spartina-Pflanzen; erste kleinflächige Versuche in den USA
in freier Natur zeigten eine deutlich geringere Effektivität. Untersuchungen zum Einsatz von Krankheitserregern bei der Bekämpfung
von Spartina liegen bisher nicht vor.
Ihre Erfahrungen zur Bekämpfung können Sie im Diskussionsforum zu dieser Art eintragen.
5 Weiterführendes & Kontakte
5.1 Literatur & Links
Kowarik, I. (2003): Biologische Invasionen: Neophyten und Neozoen in Mitteleuropa. Ulmer, Stuttgart. S. 234 ff.
Meyer, J. (1964): Versuche zur Bekämpfung von Spartina townsendii (Groves) an der Westküste Schleswig-Holsteins. Nachrichtenblatt
des deutschen Pflanzenschutzdienstes 16: 182185.
Nehring, S.; Hesse, K.J. (2008): Invasive alien plants in marine protected areas: the Spartina anglica affair in the European
Wadden Sea. Biological Invasions 10: 937950.
Reise, K. (1994): Das Schlickgras Spartina anglica: die Invasion einer neuen Art. In: Lozán, J. L., Rachor, E., Reise, K.
& Westernhagen., H. (eds.) Warnsignale aus dem Wattenmeer. Blackwell, Berlin, pp 211-214.
Infoseite des Washington State Noxious Weed Control Board
Invasive Spartina Project in San Francisco
ISSG Fact Sheet Spartina anglica
Joint Nature Conservation Committee Fact Sheet Spartina anglica in Great Britain
NOBANIS Fact Sheet Spartina anglica (pdf)
Sandbanks, Saltmarshes and Spartina in Morecambe Bay: An Information and Study Guide for Students (pdf)
Schlickgrasbestände (Spartinion maritimae), NATURA 2000-Code: 1320
5.2 Kontakte
Dr. Stefan Nehring, Bundesamt für Naturschutz, Bonn;
stefan.nehring@bfn.de
6. Forum
In den Diskussionsforen zu den gebietsfremden Arten des Handbuches können Sie Ihre Meinung zu diesen Arten und ggf. Erfahrungen
mit deren Bekämpfung eintragen und mit anderen diskutieren. Die AG NEOBIOTA bzw. das Institut für Ökologie der TU Berlin betreut
diese Foren.
Meinungen und Erfahrungen zum Salz-Schlickgras (Spartina anglica) eintragen
Dieser Artensteckbrief wurde 2002 erstellt von:
Dr. Uwe Starfinger & Prof. Dr. Ingo Kowarik, Institut für Ökologie der TU Berlin [
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Überarbeitung 15.01.2010: Stefan Nehring [
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Letzte Aktualisierung: Überarbeitung S. Nehring, 15.01.2010