Solidago canadensis L. (Asteraceae), Kanadische Goldrute
1 Beschreibung der Art
1.1 Aussehen
Als klonale Stauden produzieren Goldruten aus einem ausdauernden unterirdischen Rhizom 50 150 cm (selten bis 250 cm) hohe
Stängel. Die Stängel sind dicht beblättert und nur im Bereich des Blütenstands verzweigt. Bei der Kanadischen Goldrute sind
sie nur im unteren Teil kahl, sonst dicht abstehend kurzhaarig. Blätter 8-10 cm lang und 1-1,5 cm breit, nach oben kleiner
werdend. Goldgelbe Blüten in kleinen Köpfchen (3-5 mm Durchmesser), deren Hüllblätter ca. 2-3 mm hoch. Blütenstand eine pyramidenförmige
Rispe mit gekrümmten Ästen. Vor der Blüte hängen die Triebspitzen bogig über, was die leichte Unterscheidung von der verwandten
S. gigantea ermöglicht.
Floraweb-Fotos der Art
1.2 Taxonomie
Die Fassung der Artgrenzen innerhalb der Gattung ist umstritten. S. canadensis i. w. S. wird von manchen Autoren in Varietäten
gegliedert, die bei anderen Autoren Artrang haben. Dies hat auch in Europa zu nomenklatorischer Verwirrung geführt, da hier
einige Autoren von S. altissima sprechen, die S. canadensis var. scabra entspricht. Obwohl auch S. canadensis var. canadensis
nach Europa eingeführt wurde, scheinen die hier vorkommenden Pflanzen nur zu einem Taxon zu gehören, dessen Entsprechung zu
den amerikanischen Taxa nicht restlos geklärt ist. Sicher hat die Evolution unter den europäischen Goldruten seit ihrer Einführung
zu neuen Merkmalskombinationen geführt, was mit dem Vorschlag gewürdigt wurde, sie als eigene Art S. anthropogena zu führen.
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1.3 Herkunftsgebiet
Das natürliche Areal der Kanadischen Goldrute umfasst den größten Teil der USA und das südliche Kanada und reicht bis nach
Alaska. Die Art kommt hier in Prärien und lichten Wäldern vor und hat sich auch auf anthropogene Standorte wie Straßenränder
und Ruderalstellen in Siedlungen ausgebreitet. Sie spielt in der Sukzession landwirtschaftlicher Brachflächen eine große Rolle.
1.4 Biologie
Goldruten bilden durch klonales Wachstum ihrer Rhizome dichte Bestände, die über 300 Sprosse/m² haben können. Die Blütezeit
beginnt ab Ende Juli und reicht bis in den Oktober. Die Blüten werden durch Bienen und Hummeln bestäubt, und produzieren sehr
zahlreiche gut flugfähige Samen (ca. 15.000 pro Spross), die vom Spätherbst bis zum Frühjahr mit dem Wind weit ausgebreitet
werden. Auch mit Rhizomfragmenten, die gut regenerationsfähig sind, können Goldruten ausgebreitet werden, z. B. mit fließendem
Wasser oder mit ausgebrachten Gartenabfällen. Die Überlebensrate der Samen im Boden ist gering, im Mai des Folgejahres sind
nur ca. 3% noch keimfähig. Ob einzelne Samen nach mehr als einem Jahr im Boden noch keimfähig sind, ist nicht bekannt. In
dichter Vegetation gelingt weder Keimung noch Etablierung von Jungpflanzen, im geschlossenen Goldrutenbestand erfolgt die
Vermehrung durch Rhizomwachstum. Die Klone werden mit zunehmendem Alter größer und können über 100 Jahre alt werden. Die Kanadische
Goldrute ist sehr licht- und wärmebedürftig, bezüglich der Bodeneigenschaften jedoch unspezifisch: sie wächst auf trockenen
Ruderalstandorten ebenso wie in Auen und meidet nur länger überstaute Bereiche. Auch bezüglich der Nährstoffversorgung zeigt
sie eine breite Amplitude.
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2 Vorkommen in Deutschland
2.1 Einführungs- und Ausbreitungsgeschichte / Ausbreitungswege
Die Kanadische Goldrute gehört zu den ältesten aus Nordamerika eingeführten Gartenpflanzen, sie ist seit 1645 aus England
bekannt. In Gärten und als Bienenweide auch in der freien Landschaft wurde sie vielfach ausgebracht und hat sich bereits im
19. Jahrhundert weit ausgebreitet.
2.2 Aktuelle Verbreitung und Ausbreitungstendenz
Solidago canadensis ist heute einer der häufigsten Neophyten, sie kommt auf 86 % der Messtischblätter Deutschlands vor und
findet sich vom Tiefland bis in mittlere Gebirgslagen. Wegen ihres Vorkommens in naturnaher Auenvegetation gilt sie in Deutschland
als Agriophyt. In Deutschland hatte sie bereits um 1950 ihr potentielles Areal weitgehend ausgefüllt, die weitere Ausbreitung
an noch nicht besiedelte Standorte und damit die Verdichtung ihres Vorkommens hält an. In Süd- und Südosteuropa sowie in Skandinavien
ist mit weiterer Vergrößerung des Areals zu rechnen.
Verbreitungskarte aus FloraWeb
2.3 Lebensraum
Wegen ihrer großen Toleranz gegenüber Nährstoffen und Feuchte kommt die Goldrute auf einem breiten Spektrum von Standorten
vor. Sie wächst auf ruderalen Standorten wie urban-industriellen Brachflächen, Bahn- und Straßenböschungen, Halden sowie in
brachgefallenen Gärten, Äckern, Wiesen, Magerrasen und Weinbergen. Auch in naturnaher Vegetation kommt sie vor, so in Säumen
und verlichteten Wäldern, besonders in Auen sowie in uferbegleitender Hochstaudenvegetation.
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2.4 Status und Invasivität der Art in benachbarten Staaten
In der Schweiz steht S. canadensis wegen ihrer verdrängenden Wirkung auf heimische Pflanzen auf der Schwarzen Liste, sie ist
hier bis auf die Zentralalpen häufig und weit verbreitet. In Österreich gilt sie wegen ihrer verdrängenden Wirkung auch in
naturnahen Gebieten als einer der ca. 20 auffälligsten Neophyten.
3 Auswirkungen
Trotz ihrer weiten Verbreitung in Deutschland und der oft dichten ausgedehnten Bestände lösen Goldruten relativ wenig Auswirkungen
auf schutzwürdige Elemente der Tier- und Pflanzenwelt aus, da sie zu einem großen Teil ruderale Standorte im Siedlungsgebiet
einnehmen. Als problematisch werden vor allem Vorkommen in wärmeren Lagen Südwestdeutschlands eingeschätzt, wo Dominanzbestände
den Ablauf der Sukzession beeinflussen und Pflanzen und Tiere verdrängen können.
3.1 Betroffene Lebensräume
Für den Naturschutz haben Goldrutenbestände auf verschiedenen Kulturlandschaftsstandorten Bedeutung. Das Eindringen von Goldruten
in schutzwürdige Vegetation beschleunigt hier den Artenwandel, der durch Nutzungsänderung eingeleitet wird. Streuwiesen und
Magerrasen werden so durch Goldruten schnell verändert. Auf Acker- und Weinbergsbrachen verhindern Goldruten die Ansiedlung
gefährdeter Pflanzen und Tiere der Halbtrockenrasen, die hier sonst leben könnten.
3.2 Tiere und Pflanzen
Lichtliebende Pflanzenarten werden durch Dominanzbestände der Goldruten verdrängt. In Magerrasen, Streuwiesen und in Auen
können davon schutzwürdige Arten betroffen sein.
Die Blüten bieten im sonst blütenarmen Spätsommer zahlreichen Wildbienen, Tagfaltern und Schwebfliegen Nahrung. Wo sich Goldruten
auf Brachflächen anstelle von Gräsern und Bäumen ansiedeln, ist mit einem insgesamt positiven Effekt auf die Tierwelt zu rechnen,
in Magerrasen wiegt dagegen der negative Effekt der Verdrängung von Nahrungspflanzen auch spezialisierter Tierarten schwerer.
So wird die Kanadische Goldrute in ihrer amerikanischen Heimat von vielen spezialisierten Herbivoren gefressen, die in Europa
aber nur wenig unter Fraßdruck leidet. In der Schweiz wurden 55 Phytophagenarten an Goldruten gefunden, von den 18, vor allem
Käfer und Schmetterlinge, auch an ihnen fraßen.
3.3 Ökosysteme
Auf Brachflächen können Dominanzbestände von Goldruten die Sukzession langfristig aufhalten, da Gehölze nicht unter den Pflanzen
keimen. In einem Dauerflächenversuch blieb die Goldrute vom 5. bis zum 17. Jahr einer Brachflächensukzession dominant.
3.4 Menschliche Gesundheit
Literaturangaben über die Rolle der Goldruten als Auslöser von Pollenallergien sind widersprüchlich. In Amerika gilt es als
wahrscheinlich, dass sie zu Unrecht verdächtigt werden und die entsprechenden Symptome tatsächlich von den gleichzeitig blühenden
Verwandten aus der Gattung Ambrosia ausgelöst werden. Dafür spricht auch, dass die Ambrosia-Arten im Gegensatz zur insektenbestäubten
Solidago windbestäubt sind.
3.5 Wirtschaftliche Auswirkungen
Goldruten betreffen in der Regel keine direkten wirtschaftlichen Ziele, da sie sich in der Folge von Nutzungsaufgabe ansiedeln.
Die Erhaltung von Magerrasen und Streuwiesen in ihrer Artenkombination macht nach einem Eindringen von Goldruten Gegenmaßnahmen
notwendig, die teurer sind als die traditionelle Bewirtschaftung.
4 Maßnahmen
Das großflächige Zurückdrängung der Goldruten ist weder gerechtfertigt noch realistisch erreichbar. Um den Naturschutzwert
von Kulturlandschaftsstandorten zu erhalten oder wiederherzustellen, sind jedoch punktuelle Gegen- sowie Vorbeugungsmaßnahmen
sinnvoll. Da Goldruten vor allem den Nutzungswandel begleiten und dessen Effekte verschärfen, ist die beste Strategie die
Fortsetzung traditioneller Landnutzung.
4.1 Vorbeugen
Das Ausbringen von gebietsfremden Pflanzen ist nach dem Bundesnaturschutzgesetz (§41.2) grundsätzlich nicht ohne Genehmigung
erlaubt. Jede Neuansiedlung durch Imker oder durch die Ablagerung von Gartenabfall sollte überall unterlassen. In der Nähe
schutzwürdiger, als Lebensraum für Goldruten geeigneter Biotope kann die Entwicklung von ausgedehnten Beständen durch Einsaat
auf Ackerbrachen verhindert werden.
4.2 Allgemeine Empfehlungen zur Bekämpfung
Wegen der großen Regenerationsfähigkeit sind Goldruten nicht leicht zu bekämpfen. Goldrutenbestände auf urban-industriellen
Flächen rechtfertigen keine Bekämpfung. Gegenmaßnahmen in lichten Wäldern, deren Säumen und in Auwäldern sind wohl kaum mit
einem angemessenen Verhältnis von Aufwand zu Nutzen praktikabel.
Auch in Streuwiesen und Magerrasen sind Erforderlichkeit und Erfolg von Maßnahmen sorgfältig zu prüfen (z.B. ob sich anschließend
eine schutzwürdige Vegetation etablieren kann bzw. deren Erhaltung gesichert ist). In jedem Fall ist sicherzustellen, dass
die Maßnahmen mehrere Jahre lang durchgeführt werden können. Dabei ist besonders darauf zu achten, dass auch am Rand der Flächen,
z.B. an Gräben, keine Goldruten übrig bleiben, die dann wieder in die Fläche eindringen könnten. Durch die Maßnahmen sollte
der Boden bzw. die Vegetationsdecke möglichst wenig verletzt werden, um die Keimung der Goldrute nicht zu fördern. Das heißt,
dass besonders an feuchten Standorten nur bei trockenem Wetter mit Maschinen gearbeitet werden darf.
4.3 Methoden und Kosten der Bekämpfung
Bei der Kontrolle von Goldruten sind zwei Ziele zu erreichen: Einerseits sollte die Samenbildung unterdrückt werden, um Ausbreitung
und weitere Keimung in der Fläche zu verhindern. Andererseits sollte der Bestand zurückgedrängt werden, indem das Rhizom geschwächt
bzw. zerstört wird. Ausführliche Erfahrungen mit Goldrutenbekämpfung (nicht aber zu ihren Kosten) liegen aus Baden-Württemberg
und der Schweiz vor:
Ein einmaliger Schnitt vor der Blüte kann den Samenflug verhindern, schwächt die Pflanze aber kaum. Nur durch mehrmalige Mahd
können Goldruten langfristig zurückgedrängt werden. Der Schnitt sollte möglichst tief geführt werden. Da sich durch Neuaustrieb
aus Stängel- und Rhizomknospen die Stängelzahl zunächst erhöht, muss die Mahd anfangs zweischürig erfolgen. Ob das Mähgut
abtransportiert wird, ist für den Erfolg der Bekämpfung nicht entscheidend, wohl aber für die Etablierungschancen von Zielarten.
Andere mechanische Verfahren wie das Ausgraben kleinerer Klone, das Fräsen oder das Abdecken mit UV-undurchlässiger Folie
für mindestens drei Monate können die Goldrute schneller zurückdrängen, sie zerstören jedoch auch die Begleitvegetation und
schaffen damit neue Einwanderungsmöglichkeiten für die Goldrute. Sie sind deshalb mit Einsaat von konkurrenzstarken Gräsern
oder Leguminosen zu kombinieren, die jedoch ihrerseits die Etablierung der erwünschten konkurrenzschwachen Vegetation verzögern.
Die Wahl der Methode richtet sich nach dem Standort und der Dichte der Goldruten:
Auf feuchten nährstoffreichen Böden ist nach einmaligem Mähen oder Mulchen Ende Mai/Anfang Juni nur noch nach Bedarf im nächsten
Jahr nachzuarbeiten.
Auf feuchten Standorten mit mittlerem Nährstoffgehalt (Feuchtwiesenstandorten) wird eine zweimalige Mahd im Mai und August
(vor der Blüte) über mehrere Jahre hinweg empfohlen. Im Mai kann das Mähgut liegen bleiben, da es sich noch gut zersetzt.
Wenn nach mehreren Jahren die Goldrute zurückgedrängt ist, kann auf einen Spätschnitt reduziert werden.
Auf trockenen Standorten, wie potentiellen Halbtrockenrasen, ist das gleiche Mahdregime anwendbar. Hier ist auch Bodenbearbeitung
im Sommer bei trockener heißer Witterung möglich, so dass die Rhizome abtrocknen. Danach ist eine Gräser- und Kräutermischung
einzusäen.
Kleinere Vorkommen können durch wiederholtes Ausreißen der Stängel bei feuchter Witterung kurz vor der Blüte entfernt werden.
Die Stängel reißen dann nicht ab, so dass ein Teil des Rhizoms mit entfernt wird.
Ihre Erfahrungen zur Bekämpfung können Sie im Diskussionsforum zu dieser Art eintragen.
5 Weiterführendes & Kontakte
5.1 Literatur & Links
Hartmann, E. & Konold, W. (1995): Späte und Kanadische Goldrute (Solidago gigantea et canadensis): Ursachen und Problematik
ihrer Ausbreitung sowie Möglichkeiten ihrer Zurückdrängung. - In: Böcker, R., Gebhardt, H., Konold, W. & Schmidt-Fischer,
S. (Hrsg.): Gebietsfremde Pflanzenarten. - ecomed, Landsberg, S. 93-104.
Kowarik, I. (2003): Biologische Invasionen: Neophyten und Neozoen in Mitteleuropa. Ulmer, Stuttgart, S. 147 ff.
Meyer, A. H. & Schmid, B. (1999): Experimental demography of the old-field perennial Solidago altissima: the dynamics of the
shoot population. - Journal of Ecology 87: 17-27.
Scholz, H. (1993): Eine unbeschriebene anthropogenen Goldrute (Solidago) aus Mitteleuropa. - Floristische Rundbriefe 27: 7-12.
Voser-Huber, M. (1983): Studien an eingebürgerten Arten der Gattung Solidago L. - Dissertationes Botanicae 68, 97 S.
Weber, E. (1997): Morphological variation of the introduced perennial Solidago canadensis L. sensu lato (Asteraceae) in Europe.
- Botanical Journal of the Linnean Society 123
Weber, E. (2000): Biological flora of Central Europe: Solidago altissima L. - Flora 195: 123-134.
Weber, E. (2001): Current and Potential Ranges of Three Exotic Goldenrods (Solidago) in Europe. - Conservation Biology 15:
122-128.
Werner, P., Bradbury, J. & Gross, R. (1980): The biology of Canadian weeds. 45. Solidago canadensis L. - Canadian Journal
of Plant Sciences 60: 1393-1409.
Informationsblatt aus Nordamerika
Merkblatt der Fachstelle Naturschutz des Kantons Zürich
Merkblatt des Projekts Bachpatenschaften der Stadt Freiburg
Merkblatt der Schweizerischen Kommission für die Erhaltung von Wildpflanzen
5.2 Kontakte
PD Dr. Ewald Weber, Adlswil;
ewaldw@bluewin.ch
6. Forum
In den Diskussionsforen zu den gebietsfremden Arten des Handbuches können Sie Ihre Meinung zu diesen Arten und ggf. Erfahrungen
mit deren Bekämpfung eintragen und mit anderen diskutieren. Das Bundesamt für Naturschutz und die AG NEOBIOTA bzw. das Institut
für Ökologie der TU Berlin betreuen diese Foren.
Meinungen und Erfahrungen zu Goldrutenarten (Solidago spec.) eintragen
Dieser Artensteckbrief wurde 2003 erstellt von:
Dr. Uwe Starfinger & Prof. Dr. Ingo Kowarik, Institut für Ökologie der TU Berlin [
Kontakt]
Überarbeitung: 15.12.2008 (
Frank Klingenstein)
letzte Aktualisierung: 15.12.2008 (Überarbeitung
Frank Klingenstein)