Auszug aus:

Kartierung der submersen Makrophyten im Fühlinger See/Köln. 1. Teilabschnitt 2003
des Verbandes für aquatische Systemanalysen Köln e.V., Sömmeringstr. 44, 50823 Köln

Nadelkraut als Beispiel eines sich etablierenden Neophyts

Spätestens seit 1995 kommt dieser Neophyt im Fühlinger See vor. Er hat im Bereich des westlichen und südlichen Ufers des See 5 eine dominante Stellung eingenommen und drängt in weiten Bereichen andere Vegetation zurück. Unter den Pflanzenbeständen des Ostufers ist Nadelkraut in kleiner Zahl festzustellen. Es beginnt sich dort vom Ufer her auszubreiten.

Im See 6 gilt dies auch für das Nordufer. In diesen Bereichen hat es nicht nur zuvor bestehende hochwachsende Pflanzenwälder verdrängt, sondern auch die Characeen.

In den anderen Kartierungsbereichen konnten nur noch im See 1 nennenswerte Bestände von Nadelkraut kartiert werden.

In allen Untersuchungsgebieten konnten Bestände des Nadelkrautes auch außerhalb des Gewässers festgestellt werden. Gleiches gilt auch für den unmittelbaren Uferbereich, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Wassers. Einige dieser Bestände waren durch den tiefen Wasserstand des Fühlinger Sees (abhängig vom Rekordtiefstand des Rheinpegels) gerade erst trocken gefallen.

Abb. 5 a & b:
Vorkommen von Crassula helmsii im direkten Uferbeeich.
Trockenfallen großer Bestände bei Niedrigwasser.

Beim Nadelkraut kommt jedoch eine der Einschränkungen der Kartierungsmethode zum tragen.

Vorkommen in unmittelbarer Ufernähe lassen sich, vor allem wenn sie durch Pflanzenwälder verdeckt sind, nur schwer von Gerätetauchern kartieren. Das gleiche gilt für kleine Bestände, die, wie beobachtet, durchaus am Grund bestehender Pflanzenwälder existieren können.


Hypothese zur Ausbreitung des Nadelkrautes innerhalb und außerhalb des Fühlinger Sees

Aufgrund der Beobachtungen der letzten Jahre könnte die Ausbreitung des Nadelkrautes nach folgenden Muster abgelaufen sein.

Ausgehend von durch Menschen oder Wasservögel eingebrachten Pflanzenstücken, lagern sich die an der Wasseroberfläche treibenden Sprosse des Nadelkrautes zunächst am Uferbereich an. Dort können sie wurzeln und sich je nach dem Trend des Wasserstands entweder an Land oder unter Wasser etablieren.

Im Eulithoral, dem Bereich der wechselnden Wasserstände, ist Nadelkraut weitestgehend ohne Konkurrenz, da es anscheinend erheblich widerstandsfähiger gegen Trockenfallen ist als andere Arten.

Dies könnte auch der Grund sein, warum Massenvorkommen, die noch zu Beginn des Jahres vom Ufer aus gesichtet wurden, während der Untersuchung bei tieferem Wasserstand nicht mehr kartiert werden konnten. Sie lagen zwischenzeitlich über der Wasseroberfläche.

Vom ursprünglichen Vorkommen aus kann sich Nadelkraut in tiefere Bereiche des Sees ausbreiten. Am Grund flach anliegende Sprosse wurzeln oft an den Knoten, neue Pflanzen bilden sich. Pflanzenwälder können buchstäblich unterwandert werden. Da Nadelkraut wintergrün ist, hat es in solchen Situationen im Frühjahr beim Kampf um das Licht einen Vorsprung. Konkurrierende Arten müssen erst wieder einen Bestand aufbauen.

Diese auf kurze Entfernungen wirkende Ausbreitung, auf den Karten etwa als Ausbreitung in den See 6 hinein zu erkennen (Grafikseite), wird noch ergänzt durch die Fernverbreitung innerhalb der Seenplatte.

Von Wasservögeln, Fischen oder Menschen abgerissene Sprossstücke treiben an der Wasseroberfläche. Dies ist während der Badesaison häufig festzustellen. Durch den Wind verdriftet, landen sie an anderen Uferabschnitten an. Dort wiederholt sich der beschriebene Vorgang aufs neue. Funde am See 1 zeigen (Grafikseite), dass sich Nadelkraut dort in Massenbeständen im Flachwasser etabliert hat. Zugleich dringen Einzelpflanzen vertikal in tiefer liegende Bestände vor.

Trifft diese Hypothese des Ausbreitungsverhaltens zu, müsste ein noch neuer Befall eines Sees zunächst vor allem im direkten Uferbereich festzustellen sein. Findet sich Nadelkraut auch in größeren Tiefen, liegt der Eintrag schon einige Zeit zurück.

Andererseits muss sich ein Vorkommen auf umliegenden Trockenbereichen nicht unbedingt unter Wasser fortsetzen. Es bietet dem Nadelkraut aber eine dauernde Ausgangsbasis, immer neue Besiedungsversuche vom Ufer aus zu unternehmen.

Dieses terrestrische Reservoir muss bei eventuell geplanten Bekämpfungsversuchen unbedingt berücksichtigt werden, soll überhaupt Aussicht auf Erfolg bestehen.

Das Verdriften abgerissener Sprossstücke hat nicht zuletzt durch die wechselnden Wasserstände dieses Jahres enorme Dimensionen angenommen. Im Bereich der Bootsstege im See 5 trieben um den Jahreswechsel 2003/2004 mehrere Dutzend Quadratmeter große Matten aus losen Sprosstückchen. Bei einer solchen Fülle an vermehrungsfähigem Material ist eine weitere Verbreitung durch Wasservögel in andere Gewässer nicht mehr nur möglich, sondern auch sehr wahrscheinlich.

Dies stünde in Übereinstimmung mit dem von Kowarik (2003) S. 115ff beschriebenen „Time-lag“. Einer Latenzzeit, während der die Ausbreitung einer Art so lange stockt, bis gewisse Anpassungsvorgänge abgeschlossen sind.

Klimatische Anpassungen des Nadelkrautes scheinen angesichts der Ausbreitungsdynamik in Großbritannien nicht mehr notwendig zu sein.

Im vorliegenden Fall des bislang noch isoliert liegenden Vorkommens im Fühlinger See könnte aber die für eine Weiterverbreitung in weitere Gewässer des nahen und fernen Umlandes notwendige „infection size“ des Bestandes nunmehr erreicht sein.

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© VASA KÖLN 2004 / Vladimir Rydl